Für eines der hierzulande seit Jahrzehnten am erbittertsten geführten Derbys, muss man sich bis in die Niederungen der Drittklassigkeit begeben: Wenn es zwischen Preußen Münster und dem VfL Osnabrück zum sportlichen Schlagabtausch kommt, herrscht sowohl auf dem Platz als auch auf den stets vollbesetzten Rängen regelmäßig der absolute Ausnahmezustand. An diesem Samstag ist es nun wieder einmal soweit: Dass es im Preußenstadion dann gleich für beide Mannschaften um ganz wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg geht, dürfte dem Traditionsduell noch ein bisschen zusätzliche Brisanz verleihen.

Die Lila-Weißen reisen am Wochenende als Tabellenführer zum Top-Duell nach Münster an; war die Mannschaft von Pele Wollitz nach der Winterpause durch die Niederlagen gegen Karlsruhe und Erfurt kurzzeitig aus dem Takt geraten, kämpfte sie sich zuletzt mit drei Siegen in Folge rasch in die Spur zurück. Der Punktestand der Preußen weist dagegen zwar sechs Zähler weniger aus; da die Gastgeber jedoch bislang ein Pflichtspiel weniger absolvierten, gelänge es ihnen mit einem Dreier nun dennoch, zumindest virtuell mit dem Spitzenreiter gleichzuziehen.

Finanzkrise macht den Gästen zu schaffen

Mit dem größeren Druck hat dennoch zweifelsohne der VfL zu kämpfen; jahrelanges Missmanagement und der Absturz in die finanziell selbstmörderische 3. Bundesliga haben den Verein mittlerweile an den Rand des Ruins gebracht. Zwar sprang die Stadt dem Verein erst im Dezember mit einer 3,6-Millionen-Euro-Spitze hilfreich zur Seite und verhinderte damit zunächst einmal die Insolvenz, da sich der Schuldenstand aber auf über 9 Millionen Euro beläuft, drohen im Falle eines verpassten Aufstieges dennoch sehr bald die Lichter in der onsatel-Arena auszugehen.

Dem Bundesliga-Gründungsmitglied aus Münster bietet sich die Aufstiegschance dagegen reichlich unverhofft; immerhin wurde von den Preußen noch vor knapp zwei Jahren in der Regionalliga gekickt. Unter dem erfahrenen Pawel Dotschew ist die Mannschaft nun aber doch in Windeseile zu einem ernstzunehmenden Aufstiegsanwärter gereift: Dank einer richtig starken Saison kehren die Westfalen möglicherweise schon bald erstmals seit 22 Jahren in das deutsche Bundesliga-Unterhaus zurück.

Neckereien erhalten die „Freundschaft“

Auf die einstigen Duelle in der 2. Bundesliga ist auch die große Rivalität der beiden Vereine zurückzuführen; gleichfalls brach sich die bis heute gepflegte Abneigung der Anhänger schon in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ihre Bahn. In jenen Zeiten begann die Tradition, in Nacht-und-Nebel die Spielstätte des jeweiligen Kontrahenten aufzusuchen: Nachdem Fans der Preußen im Jahr 1977 die Torpfosten an der Bremer Brücke in ihren grün-weißen Klubfarben verzierten, wurde die Osnabrücker Spielstätte auch zwei Jahre später noch einmal von ungebetenem Besuch aufgesucht – mithilfe von Unkrautvernichtungsmitteln wurde damals der Schriftzug „SCP“ in den heiligen Rasen der Niedersachsen geätzt.

Mit derartigen „Streichen“ halten die beiden Fanlager bis in die Gegenwart ihre wechselseitige Abneigung hoch; so gelang es Anhängern des VfL erst vor vier Jahren, etliche Sitze der nagelneuen Tribüne des Rivalen noch vor der Eröffnung in Lila-Weiß zu verzieren. Deutlich weniger harmlos ging es dann jedoch zu, als man sich im September 2011 endlich auch sportlich wiedertraf – besonders ein damaliges Vorkommnis hat dafür gesorgt, dass das Derby für sehr lange Zeit seine Unschuld verlor.

Das Derby wird zum Hochsicherheitsspiel

Ein aus dem Gäste-Fanblock geworfener Sprengsatz hatte vor Beginn des Duelle zu teils erheblichen Verletzungen bei 33 Personen geführt; die Explosion im Spielertunnel sorgte dafür, dass sich die Wirkung des umgebauten Böllers in erheblicher Weise verstärkte. Der rasch ermittelte Täter wurde in einem ersten Prozess zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt; während jedoch der Rechtsstreit noch nicht einmal endgültig abgeschlossen ist, wird bereits gefürchtet, dass einige Unverbesserliche noch immer nicht zur Vernunft gekommen sind.

Die 15.000 Anhänger – darunter etwa 3.000 Gäste aus Osnabrück – werden deshalb mit erheblichen Einschränkungen leben müssen; der Sicherheit aller Beteiligten wird naturgemäß auch in Münster die oberste Priorität eingeräumt. Gerade deshalb ist jedoch davon auszugehen, dass im Nachhinein allein das sportliche Geschehen auf dem Rasen für Gesprächsstoff sorgt: Auch auswärtige Fußballfans können das Match am Sonnabend per ARD-Livestream in voller Länge verfolgen.

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Gast - Friday, June 22, 2018 03:16:14

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