So manchem Derby-Puristen lässt es möglicherweise die Haare zu Berge stehen, wenn vor den Relegationsspielen zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und 1899 Hoffenheim mittlerweile fast allerorten von einem Derby gesprochen wird: Denn wenngleich die beiden Orte gerade einmal ein Katzensprung von knapp 80 Kilometern trennt, fehlt es den Vergleichen angesichts von bislang gerade einmal sechs absolvierten Duellen doch nach wie vor an jeglicher Tradition. Doch auch wenn die Erinnerung an die geschlagenen Schlachten der vergangenen Jahrzehnte mit Sicherheit eines der wichtigsten Kriterien zur Klassifizierung eines Derbys ist, steht die Rivalität insbesondere aus Sicht der Pfälzer doch auch jenen Klassikern in kaum etwas nach, welche die Leidenschaften der Fans schon seit eh und je elektrisieren.

Lautern sieht sich als Bundesligist der Herzen

Ohne größere Übertreibung können die Anhänger der roten Teufel als Gralshüter des traditionellen Fußballs bezeichnet werden: Da der Verein einen erheblichen Teil seines Selbstverständnisses aus den einstmals unter Fritz Walter errungenen Meisterschaften bezieht, erscheint den Pfälzern all jenes suspekt, was sich erst in neuerer Zeit auf der Landkarte der Bundesliga platzieren konnte. Bereits der FSV Mainz wurde nach seinem erstmaligen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga ob seiner damals noch gering ausgeprägten Schar an Unterstützern leidenschaftlich abgelehnt: Mit 1899 Hoffenheim wurde nun aber längst ein neuer regionaler Gegner gefunden, der sich – teils aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – hemmungslos verachten lässt.

Schließlich steht der 1. FC Kaiserslautern in seiner Abneigung gegen den als Retortenklub angesehenen Nachbarn keineswegs alleine da; bereits das finale Saisonspiel in Dortmund hatte sich für die Hoffenheimer Spieler und Anhänger zuletzt wieder einmal als das übliche Spießrutenlaufen erwiesen. Dass Mäzen Dietmar Hopp mit der geschätzten Investition von 350 Millionen Euro einen beliebigen Wald- und Wiesenverein innerhalb weniger Jahre in die höchsten Sphären des deutschen Fußballs hievte, wird verständlicherweise insbesondere von all jenen als Verrat an der Reinheit des Sports gesehen, deren Herz bereits seit Generationen am Wohl und Wehe ein und desselben Vereines hängt.

1899 hat oft auf das falsche Pferd gesetzt

Doch wenngleich selbst zahlreiche eigentlich neutrale Beobachter den 1899ern weder ein „offizielles“ Derby gegen Lautern noch den Verbleib in der Bundesliga gönnen wollen, ist es sicherlich unnötig, Krokodilstränen über das Schicksal des gescholtenen Vereins zu vergießen – die erheblichen Imageprobleme des Klubs sind schließlich auch zu großen Teilen hausgemacht. Obwohl Hoffenheim schon seit einem Jahrzehnt über ein beispielhaftes Jugendförderungszentrum verfügt, wurde in den vergangenen Spielzeiten viel zu oft auf durchreisende „Legionäre“ gesetzt. Dass den regelmäßig wechselnden Verantwortlichen dabei kaum einmal die Verpflichtung einer Identifikationsfigur gelang, hat selbst die eigenen Unterstützer zuletzt immer häufiger verzweifeln lassen.

Die traditionell hohe Fluktuation innerhalb der Mannschaft wurde seit dem Abgang von Ralf Rangnick nur noch durch ein sich immer schneller drehendes Trainerkarussell getoppt – durch den Zwang zum sofortigen Erfolg wurden auch potentielle Sympathieträger wie Holger Stanislawski binnen kürzester Zeit um einen Kopf kürzer gemacht. Auch nach dem kolossal gescheiterten Aufbruch unter Markus Babbel benötigten die Verantwortlichen mehrere Anläufe, bis dann endlich ein für Nachhaltigkeit stehender Verantwortlicher gefunden war: Wird dem nunmehr tätigen Markus Gisdol ausnahmsweise auch in der ersten Krise das nötige Vertrauen geschenkt, könnte es diesem mittelfristig durchaus gelingen, den Verein auch überregional ein deutlich förderlicheres Image zu verleihen.

Wettanbieter setzen auf den Erstliga-Bonus

Die nunmehr bevorstehende Relegation kommt für 1899 Hoffenheim jedoch noch zu früh, um den vom Gegner beschworenen Gegensatz zwischen Kommerz-Projekt und Kult-Verein entkräften zu können: Selbst wenn sich auch bei den 1899ern seit dem Bundesliga-Aufstieg eine vielschichtigere Fan-Szene formierte, legt der zuletzt stark nachlassende Zuschauerstrom infolge des sportlichen Absturzes nahe, dass offenbar auch so mancher Kraichgauer den Bundesliga-Fußball in der eigenen Heimat für verzichtbar hält. Vor dem Rückspiel in Kaiserslautern wird den Hoffenheimer Akteuren nun schon bei der Anfahrt in Erinnerung gerufen, dass in der strukturschwachen Pfalz dagegen vor allem der Fußball den Takt bestimmt: Als Beweis der eindeutigen Prioritätensetzung thront das Fritz-Walter-Stadion weithin sichtbar über der hoffnungsfrohen Stadt.

Nach der Last-Minute-Rettung in Dortmund müssen die Hoffenheimer in der Relegation im Übrigen auch die Bürde des Favoriten tragen: Nachdem die Wettanbieter bereits beim Heimspiel in der Wirsol Rhein-Neckar-Arena voll und ganz auf den Erstligisten setzen, wird der Sack nach Ansicht der Buchmacher dann auf dem Betzenberg endgültig zugemacht.

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Gast - Thursday, November 23, 2017 03:28:42

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